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Homeschooling – ein Graus? Grenzen des mobilen Lernens in der beruflichen Reha

Motivation, Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen: Diese persönlichen Leistungsmerkmale prägen die Lernwelt seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 mehr denn je. Mobile Lernformen und Homeschooling bestimmen den Alltag der Bildungseinrichtungen. Wir dürfen dabei nicht vergessen: Es lernen auch Menschen, die besondere Lebenssituationen meistern müssen. Björn Libnau, der in seinem Leben bisher schwere Schicksalsschläge verkraften musste, begann nach seinem Schlaganfall – unmittelbar während der ersten Lockdownphase – eine Umschulung am Berufsförderungswerk (BFW) Stralsund. Seine Geschichte steht beispielhaft für die Herausforderungen und Grenzen mobilen Lernens in der beruflichen Rehabilitation.


2018 – das Wendejahr im Leben von Björn Libnau: Mit 40 Jahren erlitt er über Nacht einen Schlaganfall. Seiner mittlerweile 12-jährigen Tochter fiel sofort auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte: „Mensch Papa, du redest so komisch. Was ist los mit dir?“ Er bemerkte selber auch Gleichgewichtsprobleme. Eine neurologische Untersuchung bestätigte den rechtsseitigen Schlag-anfall. Für den gelernten Informatikkaufmann, Kanalsanierer und Zimmermann aus Waren (Mü-ritz), der in den Jahren vor seiner Schlaganfalldiagnose ständig aus dem Koffer lebte und zuletzt in der Schweiz als Zimmerer tätig war, begann nun ein neuer Lebensabschnitt.


Weichen gestellt
Während seiner medizinischen Reha wurde er von einer Mitpatientin auf die Möglichkeit der be-ruflichen Rehabilitation aufmerksam gemacht, worauf er einen Antrag auf Teilhabe am Arbeitsle-ben stellte und bewilligt bekam. Im September 2019 begann er in der Außenstelle Waren (Müritz) des BFW Stralsund mit einem Kurs „Training und Optimierung persönlicher Potentiale“ (TOP). Hier wurde schnell klar: Er hat die Power, eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement zu absolvieren. Und damit waren die Weichen für seine Umschulung am Hauptstandort des BFW in Stralsund gestellt. Vorbereitend darauf sollte er im März 2020 mit einem Rehabilitationsvorberei-tungslehrgang beginnen.


Und dann kam Corona
Für Björn Libnau verschob sich der Start dieses Lehrgangs auf Ende April 2020. Heute blickt er zurück: „Es fing alles so gut an und dann kam Corona. Ich war total verunsichert und verzweifelt, wie es weitergehen soll.“ Als es Ende April endlich soweit war, wurde er in einem Einzelgespräch mit seinem Lehrgangsleiter Matthias Ortmann in den Ablauf und die Inhalte des Kurses eingeführt. Ein persönliches Kennenlernen der anderen Teilnehmenden war nicht möglich und auch sein Zimmer im Wohnbereich des BFW Stralsund durfte er nicht beziehen. Zu dieser Zeit war der Ausbildungs-betrieb ausschließlich auf alternative Lernmethoden umgestellt. Das bedeutete konkret: Aufgaben per E-Mail, Nutzung der internen Lernplattform, Lehrbriefe per Post und ein intensiver telefonischer Austausch. Für Björn Libnau begann eine anstrengende Phase: „Ich bin Frühaufsteher und habe hauptsächlich vormittags meine Aufgaben erledigt. Nachmittags war dann überwiegend die Luft raus und mir fehlte die Motivation. Ganz allein zu Hause lernen ist für mich ein Graus, wo ich doch so gerne mit Menschen zusammen bin. Das ist gar nicht schön.“ Er nutzte regelmäßig die angebotene Hilfe seines Kursleiters Matthias Ortmann, zu dem er eine vertrauensvolle Verbindung aufbaute. Ortmann erinnert sich: „Herr Libnau ist durch seine Krankheitssituation rechtshändig eingeschränkt. Um eine Stabilisierung seiner feinmotorischen Fähigkeiten zu unterstützen, hatten wir beide verabredet, bestimmte Aufgaben handschriftlich zu erledigen. Bei auftretenden Fragen oder Problemen haben wir oft telefoniert.“

Homeschooling mit Grenzen
Als erfahrener Reha-Ausbilder beschreibt Matthias Ortmann die Hürden des mobilen Lernens in der beruflichen Reha: „In ein BFW kommen Teilnehmende, die neben ihren gesundheitlichen, psychischen und sozialen Problemen vielfältige Lerndefizite angehäuft haben. Lange Lernabstinenz oder jahrelange Routinetätigkeiten hinterlassen Spuren, die mit gezielten pädagogischen Hilfen bearbeitet werden müssen. Und dann sollen diese Lernenden plötzlich alleine von zu Hause, online vor dem Bildschirm, mit einem eigenen Stundenplan ganze Ausbildungstage absolvieren. Die Lernplattform des BFW bildet eine entscheidende Grundlage, um trotz hartem Lockdown weiter ausbilden zu können. Aber was nützen die besten technischen und personellen Voraussetzungen, wenn es bei den Teilnehmenden zuhause eine nur teilweise funktionierende digitale Infrastruktur gibt? Wenn man in so einer Situation als Ausbilder den Überblick behalten will, bedarf es einer besonderen Logistik: Die einen bearbeiten ihre Aufgaben über die bereitgestellten Inhalte auf der Lernplattform und den anderen werden diese telefonisch und per Briefpost vermittelt.“

Gute Aussichten
Björn Libnau äußerte im Juni 2020: „Bei einem erneuten Lockdown breche ich meine Ausbildung ab.“ Doch er kämpft sich weiter durch – trotz eines tragischen Todesfalles der Mutter seine Tochter! Björn Libnau steht beispielhaft dafür, dass eine hundertprozentige virtuelle berufliche Reha wohl Utopie bleiben wird. Ortmann ist überzeugt: „Pädagogische Hilfen und Unterstützung können nur dann effektiv funktionieren, wenn sie unmittelbar und in Echtzeit erfolgen. Wenn es, wie im Fall von Herrn Libnau, zu Problemen kommt, muss ich als Ausbilder sofort reagieren können. Psychosoziale Beratung und Unterstützung können in diesem Fall nicht warten. So etwas gehört in keinen Chat. In dieser Situation bin ich als Ausbilder hauptsächlich Mensch, schiebe Tastatur und Bücher beiseite und gebe die Zeit zum Reden.“
Mittlerweile absolviert Björn Libnau souverän seine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. „Von nix kommt nix“, sagt er. An seiner Einstellung zum Homeschooling hat sich nichts verändert. Er ist nur sicherer im Umgang mit der besonderen Lernsituation geworden. Jeden Morgen ab 07:25 Uhr erarbeitet er mit einem Klassenkameraden über die Lernplattform des BFW Aufgaben. „So bin ich nicht allein. Das klappt ganz gut. Und ich bin froh, dass wir im Vergleich zum ersten harten Lockdown jetzt auch Einzelkonsultationen wahrnehmen können. Das hilft schon sehr!“ Ortmann äußert sich mit Bewunderung: „Wenn ich an Herrn Libnau denke, sehe ich einen Menschen, der in seinem Leben immer wieder schwerste Schicksalsschläge verkraften musste. Hochachtung davor, dass er dabei nie den Mut, seinen Humor und sein Ziel verloren hat.“

Pressemitteilung 3/2021

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